Leseproben aus dem Buch "Das Spiel des Wassers" von Roland Gebert:
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Bestelldaten: Das Taschenbuch ist im Verlag Pro Business Berlin erschienen und spricht Leser ab 12 Jahren an. Es hat 84 Seiten, davon zwei illustrierte Farbseiten. Das Buch ist im Buchhandel unter: Roland Gebert, „Das Spiel des Wassers – Kurzgeschichten“, ISBN 978-3-86805-169-8 zum Preis von 9,80 Euro erhältlich. Es kann auch online bei pb-bookshop.de oder bei Amazon.de bestellt werden. |
Max Strudelmeyer beugt sich am 25. Mai 1985 im bayrischen Städtchen Hof
über das Geländer der Michaelisbrücke. Bevor der elfjährige Strubbelkopf
wie immer in die junge Saale spuckt, greift er heute in seinen Ranzen.
Er kramt eine schlanke Flasche hervor, holt Schwung und wirft sie in das
ruhige, nicht einmal zehn Schritt breite Flüsschen. Es klatscht, Ringe
breiten sich aus, ein Entenpaar düst protestierend davon, und die
Flasche zieht mit dem Bauch voran gen Norden.
Knapp vier Kilometer ist die Flaschenpost unterwegs, als plötzlich das
Wasser trüb wird. Nein, nein - kein Tintenfisch treibt hier sein
Unwesen. Es ist braune Brühe, die von der Papierfabrik Brunnental in die
Saale läuft. Forellen, Wasserläufer und Ringelwürmer machen einen großen
Bogen um diese Stelle. Das Flüsschen mit seinem fein gerippten Rücken
legt sich in eine scharfe Linkskurve. Oben thront, zum Greifen nah, das
Hirschberger Schloss. Unten flattern Tauben von einem Ahornbaum zum
anderen. Auf einmal taucht am rechten Ufer ein grauer Wachturm auf. Zwei
Grenzer spähen stumm unter ihren Käppis hervor in die Gegend.
Der Kleinere von beiden greift zu seinem 7x40 Dienstfernglas. Der
Flasche läuft es eiskalt den Rücken herunter. Nichts Böses ahnend, war
sie in das Grenzgebiet zwischen Ost und West geraten. Links das
bayrische Untertiefengrün, rechts Hirschberg im Thüringischen,
dazwischen - genau in der Flussmitte - die Staatsgrenze der Deutschen
Demokratischen Republik …
… Unterhalb einer langen Werksmauer greift Eitriggelbes in Schwaden um
sich. Die Flasche spürt, wie das säuerliche Zeug den Etikettenleim
aufweicht, eine Ecke schon frei im Wasser schwebt. Die Säure gerbte
zuvor Leder der Marke „Rindbox“.
Als der Fluss bei Saaldorf in die Bleilochtalsperre einbiegt, löst sich
das Etikett ganz, trudelt zwischen zwei verblüfften Plötzen davon.
Wehmütig schaut ihm die Flasche nach, so als trenne sie sich von ihrer
Lieblingsjacke. Andererseits verschwindet damit eine große Sorge, denn
sie ist nun keine Westflasche mehr, kann mit jeder ostdeutschen Carena-
oder Vita-Cola-Flasche verwechselt werden.
Nach tagelanger Wanderung über unzählige Stromschnellen und vorbei an
kantigen Felsen, ragen rechts die Flutlichtmasten des
Ernst-Abbe-Stadions Jena in die Luft. Sie sehen wie aufgestellte
Haarbürsten für Riesen aus.
Irgendetwas stimmt in diesem Flussstück nicht. Die Fische hetzen um die
Wette, schnalzen oft aus dem Wasser. Und sie paaren sich andauernd.
Liegt das vielleicht an „Summavit Forte“, einem Vitaminpräparat, das in
Jena hergestellt wird? Auch behauptet ein Angler, er hätte ein
Schleieweibchen mit Vollbart an der Angel gehabt. Ist das pures
Anglerlatein oder sollten doch Reste der Anti-Baby-Pillen-Produktion
daran schuld sein?
Die Flasche hat Jena und sein halluzinatives Paradies schon längst
hinter sich gelassen, als auf einem Hügel die Dornburger Schlösser
erscheinen. Von hier oben sieht die Welt wie eine Puppenstube aus, die
ein blaues Band durchzieht. Die Hügel rechts und links werden flacher.
Thüringen und zwei langgezogene S-Kurven liegen hinter der Reisenden.
Das Wasser ist etwas klarer geworden, da saugt plötzlich etwas wie ein
Staubsauger an der Flasche. Sie stemmt sich dagegen. Doch es hilft
nichts, mit jeder Sekunde kommt sie dem reißenden Wehr von Weißenfels
näher. Noch sieben, jetzt noch fünf Meter, das Rauschen wird lauter und
lauter. Die Flasche sieht sich schon in tausend Scherben zerschellen.
Knapp vor dem Wehr entdeckt sie eine unscheinbare Flussabzweigung. Wie
durch ein Wunder treibt die Flasche an einem Baumstamm, der sich an den
Steinen des Wehrs verfangen hat, in den alten Saalearm hinein.
Doch was ist das? Dem Wehr entkommen, steuert sie geradewegs auf ein
verrostetes Gitter zu. Es hält den alten Flussarm gefangen. Gefangen ist
übertrieben. Die Gitterstäbe sieben das Wasser; nur die Fische des
volkseigenen Fischerei-Betriebes Weißenfels passen nicht hindurch …
„Komm!“, haucht der See schilfrauschend. Yvonnes Kleid fällt ins Gras. Das Wasser blitzt wie Schokoladenpapier
in der Abendsonne. Kleine Wellen schlendern darüber. Mücken schreiben kyrillische Buchstaben in die Luft.
Yvonne läuft, mit nackten Füßen eine Schneise ziehend, in das seichte Wasser. Nach fünf Schritten -
der See umschmeichelt schon ihre Scham - bleibt sie stehen. Ihren Beinen tut das kühlende Wasser gut, doch nun,
wo es den Oberkörper erreicht, muss sie sich überwinden. Sie formt die Hände, um damit Wasser zu schöpfen.
„Haaahaaah!“ Kühle huscht über die Brust. Tropfen rennen den dicken Bauch hinunter.
Der thront, einem reifen Kürbis ähnlich, über dem See. Yvonne ist hochschwanger.
Der See, den eine unterirdische Quelle mit Grundwasser versorgt, breitet die Arme aus und fragt leise:
„Was hast du mir mitgebracht?“ Ein Moment des Zögerns - dann:
„Tsch ...!“ Wie ein Schiffsbug teilt Yvonnes Kinn das Wasser.
Ihre Hände schieben die geschmeidige Wasserhaut beiseite.
Der See trägt sie, wiegt ihren Bauch und klatscht vor Freude hinter ihrem Rücken in die Hände.
Im Sommer baden viele in ihm und das schon seit Menschengedenken.
Aber auch im Winter ist der See nicht allein. Wenn die Bäume um ihn herum ihre Kleider ausziehen,
und die Natur zu ruhen beginnt, geht das Leben unter Wasser weiter:
Libellenlarven bereiten sich im Schlamm auf ihre Zeit als Kunstflieger vor.
Wasserspinnen füllen leere Schneckenhäuser mit Luft, um mit ihnen aufzusteigen.
Ist es sehr kalt, friert der See nicht vom Grund, sondern von der Oberfläche her zu:
Das hat die Natur zum Wohlergehen der Lebewesen weise eingerichtet.
Unter Yvonnes Bauch wird es kälter. Tief ist das Wasser an dieser Stelle.
„Gefällt dir das Schwimmen?“, flüstert der See dem kleinen Wesen in Yvonnes Bauch zu.
Das Wesen bejaht es mit einer leichten Bewegung, von der eine winzige Welle ausgeht.
Das Wasser unter Yvonne wird wieder wohlig warm. Sie genießt es, sich vom See tragen zu lassen.
Plötzlich spürt sie ein Ziehen im Rücken. Ihre Gedanken schwirren durcheinander, das Herz schlägt wild.
Sie will, wie immer, auf der kleinen Insel, die mitten im See liegt, halt machen.
Aber nun ist sie sich nicht mehr sicher, ob sie weiterschwimmen soll.
Sie reißt die Arme herum, rudert hastig zum Ufer zurück.
Nach ein paar Schwimmzügen suchen ihre Zehen nach Boden unter den Füßen, tasten aber ins Leere.
Zwei Armeslängen weiter - wieder nichts. Sie ist dem See völlig ausgeliefert und scheint die Kontrolle zu verlieren.
Ihr wird schwindlig. Sie nimmt alle Kräfte zusammen. Endlich berührt einer ihrer Füße den Kieselgrund …
Weiße Pyramiden erheben sich über zerklüftetem weißem Grund.
Grünlich-blaue Gletscherzungen lecken am eisigen Meer.
Kein Baum, kein Gras, nur klirrende Kälte bis zum Horizont.
Mitten in dieser Landschaft, am Fuße eines Schneehügels, keine zwei
Schritte von einer Gletscherspalte entfernt, liegt Eisius. Dieser
ziegelsteingroße Eisklumpen ist jedoch kein gewöhnliches Stück Eis. In
seinem Innern, von tausenden Kristallen umklammert, steckt eine
geheimnisvolle Kugel.
„Wie komme ich hier nur weg?“, grübelt Eisius in manch heller Polarnacht.
Immerhin liegt er auf einer unbewohnten Insel nahe dem Nordpol,
wohin sich selten einmal ein Mensch verirrt.
Der Klumpen erstarrten Wassers hatte die Kugel im zarten Kindesalter von
seiner Großmutter, einer inzwischen längst getauten Eisscholle, geerbt.
Zuerst empfand Eisius das erbsengroße Ding als lästig, gewöhnte sich
aber nach und nach daran, es in seinem Inneren mit sich zu tragen.
„Sobald du ausgewachsen bist, musst du die Kugel sicher und heil von
hier wegbringen.“ So lautete der Auftrag seiner Vorfahren.
Eines Morgens rempelt ihn jemand an.
„Ja, schubse mich weiter in Richtung Süden, dorthin, wo es wärmer wird
und das Eis taut!“, ruft Eisius geistesgegenwärtig.
Aber nur ein Eisbär ist über ihn gestolpert.
Hoch am Himmel malt ein Flugzeug Streifen in das Blau. Eisius sieht ihm
wehmütig hinterher. Wenn er doch einfach mitfliegen könnte.
Da hört er plötzlich ein Stampfen und Stochern. Ein sonderbarer Mann
steckt alle paar Meter Bambusstöcke in den Schnee. Anstatt bei minus 30
Grad vor Kälte zu zittern, kritzelt er beflissen Zahlen in sein
Notizbuch. Es ist der Polarforscher Dr. Weißgenau.
Der Wassertropfen Klitsch wird als Sohn eines alten Tümpel-Tropfens und einer jungen Kondensstreifen-Tröpfin
an einem Sonntag in der Schäfchenwolke 217 geboren. Die Wolke überfliegt von Süden kommend gerade die Grenze
zu Deutschland. Sie schert sich weder um die Passkontrolle, noch um den Euro-Umtauschkurs.
Wasser und Wolken sind bekanntlich frei und international.
Klitsch, das Tropfenkind, sieht wie ein winziges Ei aus, hundertmal kleiner als ein Stecknadelkopf.
Doch schon nach einer Minute verdoppelt sich seine Größe. Wassertropfen wachsen schnell.
Und jeder Tropfen hat sein individuelles Gesicht. Klitsch zum Beispiel hat die Sommersprossen von der Mutter,
die Adlernase vom Vater geerbt.
Neugierig schaut der Wassertropfen durch das dunstige Fenster auf die Erde hinunter. Seine Verwandten
haben ihm schon so manches von dem blauen Planeten erzählt. Klitsch ist gespannt, wie es da unten wirklich aussieht.
Die Wolke, in der er sitzt, fliegt langsam über eine wundervolle Landschaft dahin.
„Da! Die vielen farbigen Flecken, das müssen Felder, Wiesen und Wälder sein. Und dort, diese blitzenden Flächen,
die wie strahlend blaue Augen der Erde aussehen, das müssen Seen sein!“, ruft Klitsch begeistert.
„Was gibt’s denn da unten schon Besonderes zu sehen?“, erwidert da glucksend ein breit gedrückter Tropfen namens
Klatsch. Er hat seinen Mundwinkel schief zu einem spöttischen Grinsen verzogen.
„Eine wunderschöne Landschaft. Und wenn ich größer bin, will ich da unbedingt hin!“, entgegnet Klitsch.
„Mir wäre das viel zu anstrengend. Und gefährlich soll das auch sein“, sagt Klatsch.
Er wendet sich ab und geht wieder seinen Hobbys nach, die aus Essen und faul in die Ferne sehen bestehen.
Dabei schlürft er aus einer riesigen Schüssel Graupelsuppe und vertilgt einen Windbeutel nach dem anderen.
Mit jedem Bissen nimmt sein Umfang zu. Aber auch die Wolke wächst und wächst. Dabei ändert sie ständig ihre Form:
Sah sie eben noch wie ein fliegender Blumenkopf aus, ahmt sie im nächsten Moment schon eine weiße Schildkröte und
andere Fantasiegestalten nach …
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